McDonald's "Golden Arches" zum Himmel?
Marcella Lassens "Hamburger Art"

von James Scarborough

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Auch wenn das kulturelle Erbe der Vereinigten Staaten nicht auf eine Tradition der Ikonenverehrung zurückgreifen kann, soll das nicht heißen, dass Amerika keine Legionen von säkularen Ikonen zur Verfügung hätte. Diese teilen sich in zwei Gruppen auf, die beide das darlegen und illuminieren, was wir verehren, loben und preisen. Die erste Gruppe besteht aus denjenigen, die von der Propaganda der Werbung geschaffen und getrieben sind; die zweite stellt diejenigen dar, die davon unabhängig sind.
Ein bemerkenswertes Beispiel der zweiten Gruppe stellt die amerikanischen Fahne dar, die nach dem 11. September wie Schmetterlinge allgegenwärtig in der Landschaft wucherte. Wie diese schmucken Pendants vermochten die „Stars and Stripes“ Liebe, Hoffnung und Stolz auf mehreren Ebenen, angefangen vom historischen Bewusstsein über das emotionale Empfinden bis hin zur übersinnlichen Wahrnehmung zu reflektieren. Hingegen stellen ein bemerkenswertes Beispiel der ersten Gruppe die allgegenwärtigen „Golden Arches“ von McDonald’s, begleitet von der Gebetsleier „Billions and billions sold“ (Milliarden und Abermilliarden verkauft) dar.
Der Ausgangspunkt dieses Essays besteht nicht darin, die Malaise des Verbrauchertums sowie dessen Wirkung auf verblassende, säkulare oder sonstige, einstmalig in gerühmter überragender Stellung sich befindende Ikonen zu verdammen. Vielmehr ist es ein Einwand zu der von R. Cronk in seinem Werk Consumerism and the New Capitalism aufgestellten Behauptung, dass es keine ikonenhaften Symbole gibt, die transzendente Wahrheiten hervorrufen.
Offensichtlich hat Cronk noch nie die Hamburger Art von Marcella Lassen gesehen. Unabhängig davon, ob das verwendete Material oder die Technik Ölkreide, Enkaustik, Gouache, Kollage (Spiegelfragmente, Blattgold, verrostetes Metal, gegossenes Papier) oder Styropor ist, bietet sie viele verschiedene Fassungen einer unwahrscheinlichen säkularen Ikone. Lassen serviert ihre Hamburger mit allem Drum und Dran. Ihre Arbeiten sind spöttisch, lecker und tiefgründig. Gelegentlich erinnern sie an UFOs oder die Lippen von Mae West in einem Gemälde von Salvador Dali oder auch an die proto-surrealistischen Bilder von Odilon Redon. Weil jede bildliche Darstellung sowohl im Konzept wie auch in der Ausführung variiert, stellt das Gesamtwerk eher ein an Monet erinnerndes Unternehmen dar (man denke an Heuschober oder die Kathedrale von Rouen) als an eines von den Ausmaßen eines Warhols.
Auch führt sie uns via des Hamburgers durch das gesamte kunsthistorische Menü. Manchmal ist der Verweis offensichtlich wie beim „Albrecht Dürer Burger“ (Gouache auf Papier). Dagegen suggeriert „The Blue Mountain Hamburger“ (Ölkreide auf Papier) die Malerei einer Alpenlandschaft in der Schweiz von Milton Avery. Leuchtend blaue Brötchenhälften deuten sowohl auf einen Alpensee als auch auf das Himmelsgewölbe hin, während die grünen, roten, gelben und orangenen Töne der Frikadelle und deren Zutaten an Blumen, Bäume und farbintensive Häuser erinnern.
Manchmal besteht der Hamburger ausschließlich aus weißen Buchstaben vor schwarzem Grund, wie bei „The White Lettered Burger“ (Gouache auf Papier) und spielt damit auf die Konzeptkunst an. „The American Hamburger“ (Enkaustik und Zeitungspapier auf Karton) ruft die Anwendung der Kollageelemente im klassischen Werk Rauschenbergs in Erinnerung. Und „This is not a hamburger Burger“ (Enkaustik und Kollage auf Holzgrund) deutet auf die Arbeit Magrittes hin, in dem er die Sprache von ihrer Funktion als abstrakte Verkörperung trennte.
Es ist also ein sehr vielseitiges Bild, ein bekanntes, ein uns in Fleisch und Blut übergegangenes und daher in unserer von Werbeikonen durchdrungenen Landschaft leicht übersehbar. Wollte man diese Hamburger, eben ein banales Brötchen mit Füllung als eine Ikone auf der konzeptionellen Ebene erfassen, würde man den transzendenten Status traditioneller Ikonen verhöhnen. Hamburger sind zweckdienliche Symbole des Verbrauchertums, ein Negativzustand, der die einstigen Ideale, die der Kunst und Religion entstammten, durch die Ideale des Verbrauchertums ersetzt. Damit ist auch der Hinweis auf die Tatsache, dass die Werte, die vormals der Heiligen Dreifaltigkeit zugesprochen waren und nunmehr vom Triumvirat McDonald’s, Burger King und Wendy’s überholt worden sind, nicht mehr weit. Wir sind das, was wir essen.
Auf der strukturellen Ebene erzählen uns diese Hamburger allerdings eine andere Geschichte. Anstelle einer Verkündigung der Schwierigkeit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit unserer geistigen Erneuerung, ist vielmehr festzustellen, dass diese Arbeiten zumindest teilweise die Rolle der traditionellen Ikonen einnehmen, die sie in der Welt der Vorstellungskraft und des Geistes innehatten; sie versorgen uns mit einer Roadmap der Gnade, zu der wir hinstreben können.
Die strukturelle Bedeutung des Werkes manifestiert sich auf zwei Ebenen. Die erste ist die Ebene des Materiellen, die zweite Ebene ist die der Architektur.
Auf der ersten Ebene schafft Lassen vor allem mit dem Quartett der Globalen Burger (I – IV) ein absolutes Abbild der traditionellen Ikone. Was ist denn letzten Endes auch eine Ikone, wenn nicht eine Kollage mit höherem Anspruch? Jeder der Globalen Burger wird mit gegossenem Papierpulp sowie Enkaustik aufgebaut, zu dem Elemente wie US-Dollarscheine, farbiges Zeitungspapier, Puddinggefäße aus Plastik und andere Wegwerfbehältnisse hinzugefügt werden. Die Sesamsamen wirken wie Juwelen. Was diesen vier Arbeiten letztendlich ihre ikonische Aura verleiht, ist der mit Blattgold versehene Hintergrund, auf der die reliefierten Hamburger platziert sind. Das Resultat ist eine scheinbar heroische Verherrlichung der Nebeneffekte des Verbrauchertums: das Paradox der umweltfreundlichen, aber nicht biologisch abbaubaren Stoffe, der hypnotisierende Effekt des gedruckten (Werbe-) Wortes und die Allgegenwart des allmächtigen US-Dollars. Und was soll nun der Sinn sein? Uns daran zu erinnern, dass unsere Fähigkeit zu Verehrung noch voll funktioniert, auch wenn sie ein klein wenig in die Irre geführt worden ist.
Auf der zweiten, strukturellen Ebene stellt sich ganz schlicht die Frage, ob es noch etwas Einfacheres gibt als die Architektur eines Hamburgers? Eine Brötchenhälfte, auf der eine flache Fleischfrikadelle ruht und das wiederum bedeckt von einer zweiten Brötchenhälfte. So stellt sich der Hamburger auf seine nicht weiter reduzierbare Form dar. Zutaten sind subjektiv, eine Option, fügen Lokalkolorit hinzu. Entfernt man eine Brötchenhälfte, hat man ein belegtes Brot, entfernt man die andere Brötchenhälfte, wie es manch diätfreundliche Restaurants tun, bleibt nichts anderes übrig als eine Frikadelle. Es ist also die dreiteilige Struktur des Hamburgers, die am nachhaltigsten die Tatsache, dass die kosmologischen Verweise in Lassens Werk traditioneller sind, als zunächst vermutet, unterstreicht. Dieses zeigt sich besonders deutlich in „The Blue Mountain Hamburger“. Obwohl er zunächst einer Schweizer Alpenlandschaft mit Gebirgssee gleicht, ähnelt der Aufbau an das Universum des Mittelalters in Form von Hölle-Erde-Himmel, was in der damaligen Malerei mit mehr Einfallsreichtum als Genauigkeit wiedergegeben wurde.
Das Thema von Lassen, Hamburger Art, ist zugänglich, leicht erkennbar und universell anerkannt; es stellt eine traditionelle, um nicht zu sagen orthodoxe Botschaft dar, die in einer ausgesprochen nicht traditionellen Form verkörpert ist. Sie ist überall zu finden und erschwinglich. Ihre Hamburger sind auf gleiche Weise kostbar wie Ikonen es sind: sie verweisen auf ein Anderes, auf das Streben nach Höherem (oder auch Niedrigerem), auf die Verherrlichung. Und sie schmecken gut. In ihrer Funktion als säkulare Ikonen schreiben sie eine Handlungsweise vor; gleichzeitig bilden sie sowohl Ursprung (Hölle) als auch Erlösung (Himmel) mehrerer irdischer Malaisen. Aber vorrangig unterstreichen sie die Auffassung, dass der Sinn des Lebens auch etwas mit Genuss zu tun hat.
Abschließend ist festzustellen, dass Lassens Hamburger uns nicht an Rechtschaffenheit mahnen oder gar geißeln. Vielmehr bietet sie uns eucharistisches Fast Food an, das uns mit Humor, Scharfblick und Hoffnung nährt.

James Scarborough, M.A.
Los Angeles
Kunsthistoriker, mit über 375 Veröffentlichungen in der nationalen sowie internationalen Kunst Presse

Mai 2004

www.hamburger-art.com

MarcellaLassen@aol.com

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